Moana Mika

Wissenschaftsjournalistin

Journalismus. Wissenschaft. Medizin. Gesundheit.

Moana Mika ist Wissenschaftsjournalistin und biomedizinische Wissenschaftlerin.

Ihre Texte setzen den Fokus auf den Menschen – nicht nur medizinisch, sondern oft und gerne auch verknüpft mit dem gesellschaftlichen Kontext.

In ihrem Blog erzählt sie aus dem Alltag in einer Schweizer Bergregion und schlägt damit eine Brücke zwischen Land und Stadt.

Blog

  • Winterliebe

    Ein Text mit zwei Empfehlungen.

    Unterdessen ist der Winter im Bergdorf eingekehrt. Der plätschernde Dorfbrunnen ist verstummt, der Garten hinter der Kirche liegt unter einer Schneedecke, und weil die Sonne in diesen Monaten dort nie scheint, wird sich die weisse Decke erst im Frühling allmählich wieder lüften. Genauso die Allee von leuchtgelben Holzpfosten, die die Ortsstrasse säumt. Natürlich schmelzt diese im Frühling nicht einfach so dahin, sondern sie wird von den fleissigen Gemeindemitarbeitern eingesammelt werden, so, als wollten sie ein übergrosses Mikado spielen.

    Der Berg vor meinem Haus verbreitet seine majestätische Ruhe wie eh und je. Eine Ruhe, wie sie so oft nur in den Bergen empfunden werden kann. Um die Mittagszeit glitzert die Westflanke im gleissenden Licht – aber nur ganz kurz, denn die Sonne vermag in dieser Jahreszeit nur einen kleinen Bogen über den Himmel zu ziehen. Am späten Nachmittag – bevor sie sich hinter dem Gipfel weiter westwärts verabschiedet – hüllt sie den Berg vor meinem Haus in ein warmes Gold, manchmal erglüht der Himmel dabei purpur, vielleicht pink, vielleicht violett.

    Es ist die Jahreszeit, in der man sich zu Hause einkuschelt und mit einer heissen Tasse Tee einen gemütlichen Abend verbringen will. Das sage nicht ich, sondern die „Partnervermittlung Harmony“. Im Inserat in der Lokalzeitung schreibt sie: Die Jahreszeit bringe nicht nur den Wunsch nach gemütlichen Abenden, „sondern auch die Sehnsucht nach Zweisamkeit“. Nun ja, wenn das die Partnervermittlung so schreibt, mit all den Jahren an Erfahrung in der Region, will ich das glauben.

    Dieser Text soll aber nicht von der romantischen Liebe handeln, das hatten wir ja schon letztes Mal. Dieser Text soll von der zwischenmenschlichen Liebe handeln. Neulich lese ich nämlich im Newsletter der Republik, dass die zwischenmenschliche Liebe abhandenzukommen scheint. Im Newsletter steht: „Dieser Stich im Herzen, wenn man im Tram einer fremden Person fröhlich zulächelt – und eisige Gleichgültigkeit erntet. […] Autsch! Wo ist die – zwischenmenschliche – Liebe geblieben?, fragt man sich da.“

    Wage erinnere ich mich an die Zeit, als ich noch in der Stadt lebte und ins Tram einstieg, und vielleicht – wer weiss – einer fremden Person zulächelte. In meiner Erinnerung rieche ich nassen Hund, höre quietschende Tramschienen, weinende Kinder, sehe deren gestresste Eltern, sehe feuchtgrauen Novembertag und müde Gesichter, die – wenn nicht ins Handy – dann ganz bestimmt stumpf und einsam vor sich hinstarren, weil es zu viel gibt; zu viel Gedanken, zu viel Arbeit, zu viel Lärm, zu viel alles.

    In meinem Bergdorf ging ich heute zum Volg, um einen frischen Nüsslisalat zu kaufen. Die neue Verkäuferin ist deutlich jünger als ihre Arbeitskolleginnen. Ihr wacher Blick suchte meine Augen beim Einkassieren, und während sie mir einen schönen Tag wünschte, huschte ein scheues Lächeln über ihr Gesicht. Auf dem Weg zurück traf ich meine Nachbarin vor dem Haus. Sie erzählte mir von ihrem Familienbesuch, den sie heute Abend verköstigt, „da ist immer etwas los“, lachte sie, und legte mir dabei ihre Hand auf die Schulter. Doch, denke ich, die zwischenmenschliche Liebe, die gibt es, aber vielleicht nicht überall.

    Die Republik schreibt in ihrem Newsletter natürlich nicht einfach so über die zwischenmenschliche Liebe, sondern sie teasert damit einen ihrer Texte an, und zwar den, der ein neues Buch des Deutschen Schriftstellers Daniel Schreiber diskutiert. Das Buch heisst „Liebe! Ein Aufruf“ und ist – ihr erahnt es – ein Plädoyer für mehr zwischenmenschliche Liebe in unserer Gesellschaft. Und wenn nicht dieses Buch, dann habe ich hier noch eine zweite Empfehlung: Die Harmony-Partnervermittlung.

  • Tinder-Dates und Glockengeläut

    Nein, dieser Beitrag ist keine romantische Liebesgeschichte, aber trotzdem lesenswert.

    Ein Freund von mir übernachtete neulich im Dorf, wo ich lebe. Er wohnt eigentlich ein bisschen weiter weg, in einem mondänen Ferienort. Dort gibt es Bergbahnen, Bars, Sportgeschäfte und zwei Pizzerien. Eigentlich alles, was er braucht, auch seine gemütliche Einzimmerwohnung. Warum es ihn ins verschlafene Bergdorf verschlagen hat, ist schnell erklärt: Sein Tinder-Date hat hier eine Ferienwohnung.

    Mein Freund übernachtet also das erste Mal beim Date in der Ferienwohnung und kommt am nächsten Morgen auf einen Kaffee bei mir vorbei. «Fuck, habe ich schlecht geschlafen», ist das Erste, was ich von ihm vernehme. «Diese Kirche!», ruft er aus, gefolgt von einigen Verwünschungen, die ich hier nicht wiedergebe.

    Die Kirche ist tatsächlich stattlich für die Grösse des Orts. Ich muss gestehen, ich weiss nicht besonders viel über sie und kann deswegen in keinen Exkurs über Baujahr, Stil und historische oder religiöse Bedeutungen abschweifen. Was ich aber weiss: Die Kirchenglocke schlägt jede Viertelstunde. Jede. Viertel. Stunde. Auch in der Nacht. Mein Freund weiss es nun auch.

    Ich erinnere mich: Als ich hierherzog, habe ich mich die ersten paar Nächte im Bett gewälzt und die Glockenschläge gezählt. Zwei Uhr. Viertel nach zwei. Und jetzt schon halb drei. Sobald ich kurz einnickte, schreckte ich auch schon wieder auf – drei Uhr. Zudem im Hinterkopf das unheilvolle Bewusstsein, dass je mehr Glockenschläge ich zähle, desto näher auch eine andere Lärmquelle rückt – das Geläut meines Weckers. Es war zum Verzweifeln.

    Als ich jetzt aber in das zerknitterte Gesicht meines Freundes schaue, seine Haare in alle Himmelsrichtungen und die Hände dankend um die warme Kaffeetasse, fällt mir auf, dass ich die Kirchenglocke nachts nicht mehr höre. Ich frage Google: Wie kommt es, dass man sich an Lärm gewöhnt?

    Die Suchmaschine schlägt mir einen Radiobeitrag von SRF 1 vor. Es ist ein Interview mit einem Arbeits- und Organisationspsychologe der ETH Zürich. Er sagte: «Lärm ist ein psychologischer Begriff.» Denn was als Lärm empfunden werde, sei stets eine subjektive Beurteilung. Zum Beispiel Kindergeschrei auf dem Spielplatz: Für die Eltern ist es der Ausdruck purer Lebensfreude der Kleinen, für andere eine Ruhestörung zum Fluchtergreifen. 

    Der Psychologe sagte aber auch, dass das Gehirn den Lärm ausblenden kann, sobald man ihn nicht mehr als bedrohlich, nervend oder störend einordnet. Rein physiologisch – also auf körperlicher Ebene – geschieht allerdings keine Gewöhnung. Studien zeigten, dass durch Lärmbelastung Stresshormone ausgeschüttet werden. Diese lassen den Blutdruck steigen, die Herzfrequenz beschleunigen und können gar zu einer Depression führen.

    Aus evolutionsbiologischer Sicht hat Lärm also die Funktion, uns in Alarmbereitschaft zu versetzen. Übrigens leitet sich auch der Begriff davon ab: «Lärm» stammt vom italienischen Ausdruck «all’arme», was so viel bedeutet wie «zu den Waffen!». Bis ins 18. Jahrhundert wurde der Begriff vor allem im militärischen Kontext verwendet.

    Ich selbst bin gottenfroh, hat sich mein Gehirn unbewusst dazu entschieden, das Kirchengeläut nachts auszublenden. Ich greife nicht zu den Waffen. Auch mein Freund* übrigens nicht – der übernachtet aber auch nicht mehr hier, sondern ist wieder fleissig am swipen. Aber das hat nichts mit dem Kirchengeläut zu tun.

    *Hinweis: Um das Persönlichkeitsrecht zu schützen, ist Einiges frei von der Leber weg erfunden, insbesondere der Schluss.

  • Ein Dyson fühlt nichts

    Warum es manchmal besser wäre, ein Staubsauger zu sein, steht hier:

    Neulich hat es mich erwischt. Es passierte auf dem Weg hoch zur SAC Hütte. Diejenige, die oberhalb des stillen Seitentals auf einem kleinen Übergang thront und zwischen drei Bergseen eingebettet ist. Das Wasser ist so klar, dass man Steine und Pflanzen auf dem Grund erkennt. Am Ufer blühen winzige, weisse Blumen und die Felsen, die ins Wasser recken, sind grossflächig mit hellgrünen Flechten überzogen.

    Der Weg zur Hütte schlängelt sich steil und felsig nach oben. Pedalieren war bald einmal nicht mehr möglich – ich musste mein Bike schieben und später blieb mir nichts anderes mehr übrig, als das Gefährt zu schultern, um über die Felsbrocken zu kommen.

    Ich schnaufte also den Trail hinauf, keuchte unter dem Gewicht des Velos und Rucksacks. Durch den Mund sog ich nach der dünner werdenden Bergluft. Ein Dyson Staubsauger hätte es nicht besser gemacht. Obschon: Auch wenn ich meinen Dyson liebevoll „Dysi“ nenne, bin ich doch überzeugt, dass er nichts fühlen kann. Auch seine Luftröhre nicht. Das ist ein toller Vorteil, den ich nicht hatte: Denn mitten auf dem Weg zur Hütte kündigten sich plötzlich und unheilvoll die Halsschmerzen an.

    Oben angekommen bestellte ich einen Ingwertee. Von der Griessuppe, die zum Znacht aufgetischt wurde, schöpfte ich zweimal, und hoffte irgendwie, die Schmerzen wegschlürfen zu können. Natürlich nützte alles nichts. In der Nacht schwollen meine Gaumenmandeln derart an, dass ich kaum noch schlucken konnte. Ich träumte, ich erstickte unter einer riesigen Wasserflut, schwitzte und fühlte mich fiebrig im Massenschlag.

    Leider blieb es nicht bei dieser einen Nacht. So etwas Hartnäckiges habe ich kaum je erlebt: Wochen später plagten mich die Halsschmerzen immer noch; es half kein Schmerzmittel, keine Gurgellösung, kein Rachentäfeli.

    Hätte ich noch in der Stadt gewohnt, wäre ich auf dem Weg zur Arbeit kurz bei der Apotheke vorbeigegangen. Oder klopfte nach Feierabend womöglich bei der Hausarztpraxis an. Oder holte Rat bei meiner Freundin, die Ärztin ist.

    Nun lebe ich aber nicht mehr in der Stadt, sondern an einem Ort, wo die nächste Apotheke eine halbe Stunde Busfahrt entfernt ist. Der Bus fährt einmal die Stunde. Die nächste Ärztin ist weiss nicht wo. Und für auf den Notfall braucht es wohl 45 Minuten Autofahrt. Um meine persistierenden Halsschmerzen behandeln zu lassen, müsste ich also mindestens einen Halbtag investieren.

    An dieser Stelle möchte ich anfügen, dass es hier nicht um mich und mein Halsweh geht, sondern ich möchte auf etwas ganz anderes hinaus: Die Schweiz hat eine der besten Gesundheitsversorgungen weltweit, das ist bekannt. Allerdings ist diese bei Weitem nicht für alle gleich zugänglich.

    Ich frage mich: Was macht hier die Rentnerin mit dem gebrochenen Oberschenkelhals, die einmal die Woche zur Physio sollte? Lässt der Landwirt seine Prostata beim Urologen in der Stadt untersuchen, wenn’s mit dem Wasserlösen nicht mehr gäbig geht? Wie organisiert sich die junge Mutter, die kurz vor der nächsten Geburt steht? Hat der Nachbar, der seit Jahren im Strassenbau arbeitet, jemals seine Muttermale von einer Dermatologin kontrollieren lassen? Und das Schulkind, das partout nicht sprechen will – wird es zur Kinderpsychologie geschickt?

    Ihr seht: Die Hürden sind extrem hoch, um medizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, wenn man abseits lebt. Und mit schliessenden Geburtenabteilungen, Regionalspitälern und Hausarztpraxen werden sie nicht tiefer, im Gegenteil.

    All diese Fragen, all diese Herausforderungen – sie wirbeln noch ein bisschen in meinem Kopf herum. Etwas unterhalb des Gehirns wird es hingegen endlich ruhiger: Meine Halsschmerzen sind am Abklingen – wie das nun doch noch geklappt hat, teile ich auf Anfrage gerne mit.

    …und nein, die Lösung war dann doch nicht, mich wie mein Dyson zu fühlen.

  • Ein Hoch auf’s Poschi

    Und auf den Service Public!

    Kürzlich kündigte der SVP-Bundesrat Albert Rösti an, bei der Postzustellung sparen zu wollen: Rund 60’000 abgelegene Häuser sollen nicht mehr beliefert werden – die langen Wege rentierten sich nicht, so die Begründung. Es liegt in der Natur der Sache, dass von den Sparmassnahmen wohl insbesondere Bergregionen betroffen wären. Als Ersatz werde die Post aber ein Online-System einrichten, bei dem die Briefe per E-Mail zugestellt werden, sagte Rösti weiter. Nur: Wie das, wenn auch das Internet nicht funktioniert?

    Nun, geniessen wir also den Service Public, den wir noch haben. Seit ich in den Bergen lebe, weiss ich den nämlich ungemein zu schätzen. Einer davon hat es mir besonders angetan: Der Postautobetrieb.

    Es gibt kein noch so abgelegenes Seitental, wo das unverkennbare gelbe Poschi nicht hinfährt, kein noch so spärlich bewohntes Bergdorf, wo es nicht mindestens eine Haltestelle gibt. Ist die Strasse auf den Berg zu eng für den Bus, kommt übrigens ein kleinerer Shuttle zum Einsatz. Das Mini-Poschi ist besonders putzig, vor allem wenn es auch noch den Fahrradträger am Heck mitführt. Sollten jemals alle Haken mit Bikes besetzt sein, so kippte es wohl hinten um.

    Item, nun aber zurück zum Thema: Egal ob’s stürmt, ein Hang wieder mal ins Rutschen kommt oder ein Velorennen die Passstrasse in Beschlag nimmt: das Poschi fährt. Zuverlässig wie ein alter, treuer Freund.

    Dazu kommt: Um einen Sitzplatz kämpfen, muss man hier nie. Im Gegenteil, man hat die Wahl, das Poschi ist oft nur spärlich ausgelastet. Die Busfahrer:innen grüssen beim Ein- und Aussteigen, man kennt sich, wünscht sich einen schönen Tag.

    Kürzlich hievte ein Chaffeur mein Velo kurzerhand selbst in den Bus – er bestand darauf – weil sein Gefährt ausnahmsweise ohne Träger verkehrte.

    Oder damals, als eine Schulklasse mitreiste und sich eine Schülerin, bleich wie ein Scheibe Toast, auf dem kurvigen Abschnitt direkt neben die Fahrerkabine übergab. Die Busfahrerin musste die zur Person gewordene Gelassenheit gewesen sein: Sie manövrierte um die Kurven, wich entgegenkommenden Autos aus, verteilte Papiertücher und stoppte bei der nächsten Gelegenheit, damit die zittrige Schülerin frische Luft schnappen konnte.

    Und erst vor wenigen Tagen wähnte ich mich auf einer geführten Busreise anstatt im öV – der Fahrer musste in seiner früheren Karriere Dozent gewesen sein: Durchs Mikrofon erklärte er den Mitreisenden eloquent, wie die Gesteinsformationen in der Umgebung zustande kamen, was die Römer hier so machten und wo der neuste Entwässerungsstollen gebaut wird. Ich war gefesselt von der Vorlesung, dass ich gar nicht erst aussteigen mochte.

    Kurz um: Stress und Hektik gibt’s beim Postautobetrieb in dieser Gegend nicht. Und spätestens jetzt sollten natürlich alle Alarmglocken läuten…

    Denn rentieren wird das kaum, im Gegenteil: Es ist wohl davon auszugehen, dass auch hier „unverhältnismässig hohe Aufwände“ gemacht werden, um in den Worten von Postminister Rösti zu bleiben.

    Nun, ich bin gottenfroh fährt nach Kandersteg ein Zug und nicht das Poschi. Der Postautobetrieb scheint dem Bundesrat schlicht entgangen zu sein. Das Gebot der Stunde heisst also: Nur ja keine Aufmerksamkeit erregen! Einfach unter dem Radar weiterfliegen und so tun, als hätte man noch nie was von Sparhammer gehört.

    Ein anderer Hammer traf hingegen mich vor Kurzem: Und zwar war ich etwas gar knapp dran, spurtete zur Poschi-Haltestelle, nur, um den Bus gerade noch um die nächste Ecke verschwinden zu sehen. Ich schaute wohl etwas verdattert drein, auf jeden Fall verlangsamte das nächste Fahrzeug – ein kleiner Entsorgungslastwagen der Gemeinde – und der Fahrer steckte fragend den Kopf aus dem Fenster. Kurzerhand versah ich mich auf dem Beifahrersitz und 20 Minuten später an meinem Ziel.

    Die Erkenntnis daraus? Auf den Service Public ist halt einfach Verlass.

  • No internet, no problem

    Wie ich durch ein Interview mit einer Ärztin zum Bundesamt für Kommunikation und einem feinen Capuccino gekommen bin, lest ihr hier.

    No internet, no problem – schön wär’s. Aber bekanntlich leben wir nicht mehr in Zeiten von Brieftauben und Postkutschen. Und wer im Home Office arbeitet, weiss erst recht, dass ohne das allmächtige Netz bald einmal gar nichts mehr läuft. Da löst sich die Grenze zwischen produktivem Office und kümmerlichem Rumlümmeln im Homedress gleich mit dem schwindenden Internetempfang auf. Recherche, Rechnungsstellung, E-Mails, Datenverarbeitung, Softwares – wer eine offline Variante kennt, meldet sich bitte in der Kommentarspalte.

    Nun, natürlich übertreibe ich. In dem Dorf, wo ich lebe, gibt es Internet. Bloss: Es ist seeehr langsam.

    Kurz nachdem ich mich im Bergdorf häuslich eingerichtet habe, hatte ich ein Interview mit einer Professorin aus Zürich eingeplant. Ich freute mich – sie ist in ihrem Fachgebiet eine Expertin, hat viel publiziert, äussert sich regelmässig in den Medien und scheint zu allem auch noch sehr charismatisch zu sein. Für das Interview schlug ich ihr einen halbstündigen Video-Call vor.

    Am besagten Tag bereitete ich mich gewissenhaft vor; ging nochmals alle Fragen durch, informierte mich über dieses und jenes, machte mir Notizen. Ich wählte mich frühzeitig in den Call ein – alles schien zu klappen. Bis sich die Professorin dazuschaltete: Ihr Bild erschien auf meinem Laptop – helle Blouse, blondweisse Locken, dezenter Lippenstift, wacher Blick. Sie schien etwas zu sagen, doch ich hörte – nichts. Und kurz darauf war auch noch ihr Bild eingefroren. Ich hingegen spürte die Hitze in mir hochsteigen. Zögerlich fragte ich in den Laptop: „Können Sie mich hören?“, obwohl ich bereits wusste, dass ich keine Antwort erwarten durfte. Die Verbindung war tot.

    Das Bundesamt für Kommunikation BAKOM betreibt auf seiner Website einen sogenannten Breitbandatlas. Der Atlas ist eine interaktive Karte der Schweiz, die die Abdeckung des Mobilfunknetzes aufzeigt. Man kann also bis ins Bergdorf, in dem ich lebe, in die Karte reinzoomen und erhält eine Idee, wie es so um’s Internet steht. Fakt ist: Hier gibt es zwei verschiedene Telekom-Anbieter – immerhin – aber: Kein 5G, kein Glasfaser-Anschluss und eine Download-Geschwindigkeit von 30 bis maximal 100 Megabits pro Sekunde. Das sagte mir natürlich erstmal gar nichts, aber auch hier weiss das BAKOM weiter. Auf der Website steht:

    Für einfache Aufgaben wie Surfen, E-Mails und gelegentliches Streaming sind 16 bis 50 Mbit/s ausreichend. Bei intensiverer Nutzung, wie z.B. Video-Streaming in hoher Qualität, Online-Gaming oder Homeoffice mit Videokonferenzen, sind 50 bis 100 Mbit/s oder mehr empfehlenswert.

    Behörden und Telekom-Anbieter scheinen also davon auszugehen, dass im Bergdorf lediglich „einfache Aufgaben“ gemacht werden. Wozu sollte der Bauer, die Volg-Verkäuferin oder die Rentnerin auch schnelles Internet benötigen? Sie können sich ja an der Aussicht auf die Bergwelt satt sehen, anstatt die neuste Netflix-Serie zu streamen.

    Alles andere als einfach erschien mir hingegen die Aufgabe, aus dem stockenden Call mit der Professorin doch noch ein fliessendes Interview hinzukriegen. Die Lösung war schliesslich, meine Kamera auszuschalten. Die Professorin übrigens, die nahm es mit der Ruhe und Gelassenheit einer erfahrenen Ärztin – es hing ja schliesslich kein Patientenleben davon ab.

    Mein Learning daraus? Seither plane ich meine Arbeitstage mit Interviews jeweils in einem gemütlichen Café in der nächsten Kleinstadt ein. Dort funktioniert der Webcall auch mit Bild und obendrein gibt’s Capuccino mit viel Milchschaum und Brioches aus Zopfteig. Yep, man muss sich nur zu helfen wissen.

  • Störgeräusche

    Was Stubenfliegen und Spassfahrzeuge gemeinsam haben:

    Es gibt das eine und andere, das man vom Leben auf dem Land erwarten durfte. Dazu gehört die frische Luft, das Geläute der Kirchenglocken oder dass man sich im Dorf freundlich grüsst. Es gibt aber auch Dinge, die hatte ich so nicht auf dem Radar. Zum Beispiel: Stubenfliegen. 

    Die Stubenfliegen in meiner Stube haben mich zur kaltblütigen Killerin gemacht. Natürlich habe ich es zuerst anders versucht: Durchzug! Alle Fenster öffnen! Nur raus mit ihnen! Ich habe wild mit meinen Armen gefuchtelt, habe versucht, sie mit blossen Händen einzufangen, habe sie weggescheucht. Nur: Nichts nützte. Immer und immer wieder landen die Viecher auf meiner Stirn, meinen nackten Füssen unter dem Tisch oder meinen Händen, auch dann noch, wenn die wie besessen auf der Tastatur auf und ab tippen.

    An Arbeit ist dann erstmal nicht mehr zu denken. Besorgt schnüffle ich an meinem Arm – dort wo soeben noch die Fliege sass. Vielleicht müsste ich duschen? Eine kurze Recherche lehrt mich aber, dass die Fliegen hungrig sind und sich von Hautschuppen ernähren, ganz egal, ob die von frisch gewaschener Haut geknabbert werden, von der Kuh, die sich im Stall räkelt oder vom Hund, der nur alle paar Wochen eine Dusche kriegt. Also rolle ich die Lokalzeitung zusammen, diejenige, die über die letzte Gewerbeausstellung berichtet, hole aus, schiebe die letzten moralischen Einwände beiseite und klatsche nach den Störenfrieden.

    Meine Erfolgsrate ist bescheiden. Es kommt vor, dass die Fliege Sekunden nach meinem Angriff putzmunter neben mir sitzt und hämisch die Vorderbeinchen aneinander reibt. So, als wollte sie mir sagen, dass sie mit mir fertig wird und nicht ich mit ihr. Resigniert übe ich mich in Akzeptanz.

    Ganz ähnlich ergeht es mir mit einem weiteren Ruhestörer. Nun, ich werde mir hiermit wohl keine Freund:innen machen: Aber ganz ähnlich wie mit den Stubenfliegen ergeht es mir mit den Spassfahrzeugen. Spassfahrzeuge sind motorisierte Gefährte, die nicht dazu da sind, um von A nach B zu gelangen, sondern um damit in der Gegend herumzukurven – weil es eben Spass macht. Versteht mich nicht falsch – ich bin eine grosse Fan von Spass! Aber manchmal stimmt es leider: Des einen Spass‘, des anderen Leids.

    Gemäss Bundesamt für Statistik waren 2024 insgesamt 810’408 Motorfahrräder zugelassen. Das sind ganze 64 Prozent mehr als noch 2020. Im Durchschnitt besitzt also jede zehnte Person in der Schweiz einen Töff. Und dann kommen noch alle Cabrioletsfahrerinnen dazu, alle Sportwagenbesitzer und all jene, die einen schicken Oldtimer das Eigen nennen. Dass die alle vor meinem Fenster vorbei fahren, ist zuerst einmal verständlich: Kurve um Kurve, Pass um Pass durch die Bergwelt zu flitzen, ist toll. Es ist befreiend. Und aufregend, sowieso.

    Die Kehrseite: Spassfahrzeuge sind laut, sehr laut. Meistens werden sie in Gruppen ausgefahren und nicht selten lassen Fahrer:innen noch einmal kurz die Motore ihrer Maschinen aufheulen, bevor die Geschwindigkeit innerorts gedrosselt werden muss. Wenn dies an sonnigen Wochenenden im Sekundentakt geschieht, kann es für Anwohner:innen zu einer echten Strapaze werden.

    Aber keine Angst: Anders als bei meinem Kampf gegen die Stubenfliege stehe ich nicht Godzilla-like auf der Strasse und versuche, Autos und Töffs wegzuklatschen. Nein, ich übe mich von vorneweg in Toleranz.

    Zudem beschleicht mich unterdessen auch eine gewisse Tragik, wenn ich an Spassfahrzeuge denke. Denn es vergeht kaum ein Wochenende, an dem ich nicht den Heli am Strassenrand sehe, die Ambulanz mit Blaulicht höre oder an eine Strassensperre gerate. Neulich klebte nach einem Unfall in einer besonders fiesen Kurve noch tagelang getrocknetes Blut auf dem Belag.

    Also liebe Töffler, Sportwagenfahrerinnen und Cabrioletsbesitzer: Passt auf euch auf! Und liebe Stubenfliegen: Sucht euch doch bitte ein anderes Opfer.

  • Am schönsten Hintern Graubündens

    Hier gibt es sogar einen Volg! Und was noch, lest ihr hier:

    „Wie heisst das Dorf?“, ist die häufigste Reaktion, die ich kriege, wenn ich erzähle, dass ich umgezogen bin. Die Reaktion kommt normalerweise mit einem Ansatz eines Stirnrunzelns, einem skeptischen Blick, manchmal auch mit einem leicht spöttischen Grinsen. Ich buchstabiere dann jeweils geduldig den Namen des Orts und merke gleichzeitig, dass sich bei mir eine leichte Verlegenheit breit macht – verlegen, dass es mich – tja, tatsächlich – dahin verschlagen hat.

    Ich, die sich vor über zehn Jahren euphorisch ins Stadtleben stürzte: Neueröffnete Bars, Sommer-Pop-ups, Konzerte und alternative Lokale standen auf dem Programm, möglichst viele Leute zu treffen sowieso, um damit auch gleich den Freundinnen- und Bekanntenkreis um ein Vielfaches zu erweitern. Ich, die gesagt hat, aufs Land – nie wieder! und mich in der urbanen, liberalen und linken Kleinstadt in der Komfortzone räkelte. Ich, die dachte, dass ich in meiner Bubble sein kann, wer ich wirklich bin. Ich, die meinte, nur in der Stadt spielt das richtige Leben und anderswo verpasst man den Anschluss – wohin auch immer.

    Nun bin ich also im Dorf. Hier gibt es einen Volg (sogar am Samstag offen), eine Kirche (immer offen) und ein Altersheim (Öffnungszeiten unbekannt). Im Dorf leben um die 400 Menschen, weiss Wikipedia, und mindestens genauso viele Kühe, schätze ich. Das Dorf liegt irgendwo im Bündnerland, auf 1180 Meter über Meer, an einem sonnigen Südhang einer Gemeinde, die ein ganzes Tal umfasst. Fertig angesagte Bars, internationale Fusion-Küche und überteuerter Flat-White-Kaffee.

    Während ich diese Zeilen tippe, blicke ich über den Laptoprand hinaus auf den symmetrischen Kegel des Gipfels, der immer noch eine Schneehaube trägt. Ich höre die Vögel durchs offene Fenster singen und rieche das frisch gemähte Gras auf den Wiesen vor dem Haus. Ich denke, ja, das Dorf liegt am Hintern der Welt, keine Frage, aber: Es ist vielleicht der schönste Hintern in ganz Graubünden.

    Der Grund ist: Das Dorf liegt mitten in einem Naturpark. Der Park ist rund 660 Quadratkilometer gross, das ist etwas grösser als der Bodensee. Fast ein Drittel der Fläche sind unberührte Natur – und diese haut mich jeden Tag wieder von Neuem um. Ich muss dafür bloss aus dem Fenster schauen, oder noch besser: ich gehe auf Erkundungstour. Auf einer solchen nahm ich kürzlich mein Notizbuch mit und versuchte, die mich umhauende Natur in Worte zu fassen. Ganze Sätze kamen nicht zu Stande – es tönt platt, ich weiss, aber irgendwie ist sie halt eben doch unbeschreiblich. Zumindest kritzelte ich dann doch noch die folgenden Begriffe aufs Papier: Karg, verwunschen, abenteuerlich, unberührt, kraftvoll, mystisch, romantisch, roh, ausgesetzt, wild.

    Ich setze mich also aufs Bike und fahre über Trails, die von mehr Rehen begangen werden als von sonst wem. Meine Lungen sind gefüllt mit frischer Luft, die nach Nadelbäumen duftet, nach Alpenrosen, die zaghaft  zu blühen beginnen, und nach würziger Bergwiese. Oder ich schwinge mich aufs Gravel und trample hoch zu den Felstürmen in der Umgebung. Sie strahlen eine wohlige Wärme ab, so dass ich noch bis spät in den Abend dort sitze und die Aussicht übers Tal geniesse. Oder ich spaziere am Mittag los, den Teller mit dem Essen in der Hand, und erreiche innert Minuten die kleine Kapelle, setze mich aufs Bänkli in die Sonne und schaue rüber zum Wasserfall, der ins Tobel runterstürzt.

    Meine Meditations-App sagte mir kürzlich, ich solle mir vorstellen, ich sei steady like a mountain. Ich schaue also auf diesen Wasserfall, auf die Berge, auf die umliegenden Wiesen und denke, mehr steady kann ich imfall gar nicht sein.