Moana Mika

Wissenschaftsjournalistin

Tinder-Dates und Glockengeläut

Nein, dieser Beitrag ist keine romantische Liebesgeschichte, aber trotzdem lesenswert.

Ein Freund von mir übernachtete neulich im Dorf, wo ich lebe. Er wohnt eigentlich ein bisschen weiter weg, in einem mondänen Ferienort. Dort gibt es Bergbahnen, Bars, Sportgeschäfte und zwei Pizzerien. Eigentlich alles, was er braucht, auch seine gemütliche Einzimmerwohnung. Warum es ihn ins verschlafene Bergdorf verschlagen hat, ist schnell erklärt: Sein Tinder-Date hat hier eine Ferienwohnung.

Mein Freund übernachtet also das erste Mal beim Date in der Ferienwohnung und kommt am nächsten Morgen auf einen Kaffee bei mir vorbei. «Fuck, habe ich schlecht geschlafen», ist das Erste, was ich von ihm vernehme. «Diese Kirche!», ruft er aus, gefolgt von einigen Verwünschungen, die ich hier nicht wiedergebe.

Die Kirche ist tatsächlich stattlich für die Grösse des Orts. Ich muss gestehen, ich weiss nicht besonders viel über sie und kann deswegen in keinen Exkurs über Baujahr, Stil und historische oder religiöse Bedeutungen abschweifen. Was ich aber weiss: Die Kirchenglocke schlägt jede Viertelstunde. Jede. Viertel. Stunde. Auch in der Nacht. Mein Freund weiss es nun auch.

Ich erinnere mich: Als ich hierherzog, habe ich mich die ersten paar Nächte im Bett gewälzt und die Glockenschläge gezählt. Zwei Uhr. Viertel nach zwei. Und jetzt schon halb drei. Sobald ich kurz einnickte, schreckte ich auch schon wieder auf – drei Uhr. Zudem im Hinterkopf das unheilvolle Bewusstsein, dass je mehr Glockenschläge ich zähle, desto näher auch eine andere Lärmquelle rückt – das Geläut meines Weckers. Es war zum Verzweifeln.

Als ich jetzt aber in das zerknitterte Gesicht meines Freundes schaue, seine Haare in alle Himmelsrichtungen und die Hände dankend um die warme Kaffeetasse, fällt mir auf, dass ich die Kirchenglocke nachts nicht mehr höre. Ich frage Google: Wie kommt es, dass man sich an Lärm gewöhnt?

Die Suchmaschine schlägt mir einen Radiobeitrag von SRF 1 vor. Es ist ein Interview mit einem Arbeits- und Organisationspsychologe der ETH Zürich. Er sagte: «Lärm ist ein psychologischer Begriff.» Denn was als Lärm empfunden werde, sei stets eine subjektive Beurteilung. Zum Beispiel Kindergeschrei auf dem Spielplatz: Für die Eltern ist es der Ausdruck purer Lebensfreude der Kleinen, für andere eine Ruhestörung zum Fluchtergreifen. 

Der Psychologe sagte aber auch, dass das Gehirn den Lärm ausblenden kann, sobald man ihn nicht mehr als bedrohlich, nervend oder störend einordnet. Rein physiologisch – also auf körperlicher Ebene – geschieht allerdings keine Gewöhnung. Studien zeigten, dass durch Lärmbelastung Stresshormone ausgeschüttet werden. Diese lassen den Blutdruck steigen, die Herzfrequenz beschleunigen und können gar zu einer Depression führen.

Aus evolutionsbiologischer Sicht hat Lärm also die Funktion, uns in Alarmbereitschaft zu versetzen. Übrigens leitet sich auch der Begriff davon ab: «Lärm» stammt vom italienischen Ausdruck «all’arme», was so viel bedeutet wie «zu den Waffen!». Bis ins 18. Jahrhundert wurde der Begriff vor allem im militärischen Kontext verwendet.

Ich selbst bin gottenfroh, hat sich mein Gehirn unbewusst dazu entschieden, das Kirchengeläut nachts auszublenden. Ich greife nicht zu den Waffen. Auch mein Freund* übrigens nicht – der übernachtet aber auch nicht mehr hier, sondern ist wieder fleissig am swipen. Aber das hat nichts mit dem Kirchengeläut zu tun.

*Hinweis: Um das Persönlichkeitsrecht zu schützen, ist Einiges frei von der Leber weg erfunden, insbesondere der Schluss.

Kommentare

Eine Antwort zu „Tinder-Dates und Glockengeläut“

  1. […] Text soll aber nicht von der romantischen Liebe handeln, das hatten wir ja schon letztes Mal. Dieser Text soll von der zwischenmenschlichen Liebe handeln. Neulich lese ich nämlich im […]

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