Was haben ein Gemeindepräsident und eine Mutter von Kleinkindern gemeinsam? Vieles, meine ich.
Die Nachricht war landauf, landab zu vernehmen: Brienz/Brinzauls ist wieder offen! (Für alle News-Deprivierten, hier in aller Kürze: Brienz/Brinzauls ist ein Bergdorf in Graubünden, dessen Bewohner:innen über ein Jahr lang wegen eines Felssturzes evakuiert waren. Seit Ende Januar ist das Dorf für Einheimische, Zweitwohnungsbesitzerinnen, Anwohner und – nicht zuletzt: auch fürs Poschi – wieder geöffnet.)
Einer, der seit Beginn der Evakuierung von Brienz/Brinzauls unvermittelt im Rampenlicht steht, ist Daniel Albertin. Albertin ist Landwirt. Albertin ist Familienmensch. Und Albertin ist Präsident der Gemeinde Albula/Alvra, zu der Brienz/Brinzauls gehört. Vor Kurzem ist ein Dokumentarfilm über ihn im Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) erschienen: «Responsabladad al limit – in onn cun Daniel Albertin». Auf Deutsch: «Verantwortung am Limit – ein Jahr mit Daniel Albertin».
Albertin sagt im Film, dass nicht ein Tag vergehe, an dem er nicht an Brienz/Brinzauls denke. Er wählt seine Worte vorsichtig. Wenn er in die Kamera spricht, sieht man seine Augen glänzen. Vielleicht wegen der Müdigkeit, der ständigen Verfügbarkeit. Vielleicht wegen der stundenlangen Online-Meetings am Bildschirm und den herausfordernden Diskussionen. Aber ganz bestimmt auch, weil ihn das Ganze mitnimmt. Weil er Entscheidungen treffen muss, die – so denke ich – seine kühnsten Vorstellungen vom Amt als Gemeindepräsident eines – im Normalfall – verschlafenen Bergtals übersteigen.
Ich kenne Daniel Albertin nicht persönlich. Ich weiss auch nicht, wie er politisch tickt. Was ich aber weiss, ist, dass Albertin Aussergewöhnliches leistet. Genau wie meine Freundin, die letzten Herbst mit ihren beiden Kindern in der Region, wo ich wohne, Ferien machte. Wir haben uns lange nicht gesehen, nun wollten wir die Gelegenheit nutzen, uns bei einem Kaffee endlich wieder einmal auszutauschen.
Natürlich ist das nicht das kinderfreundlichste Programm, fair enough. Meine Freundin hatte dann auch alle Hände voll zu tun: Die Kleine wollte die Socken im Café ausziehen, genau jetzt!, der Sohn einen Kindercocktail, am liebsten mit Schirmchen, und ich alle Infos zu ihrem neuen Job in einer US-Firma, wegen dem meine Freundin aufgrund der Zeitverschiebung auch schon mal nachts arbeitet. Dazu kam: Meine Freundin hatte genau genommen nicht alle Hände voll zu tun, sondern nur eine, denn die andere steckte wegen einer Schulteroperation in der Schlinge. Und dann fingen die Kleinen auch noch an, am Boden des Cafés Sumoringen zu spielen. Meine Freundin muss Superkräfte haben, denke ich. Genau wie Daniel Albertin.
Albertin wird Ende des Jahres das Gemeindepräsidium abgeben. Gäbe es für sein Amt ein Stelleninserat, müsste darin stehen, dass eine Person gesucht wird, die gut vermitteln kann. In dem Stelleninserat müsste stehen, dass man äusserst belastbar und 24/7 erreichbar sein muss. Es müsste drin stehen, dass man in den unzähligen Interviews, Informationanlässen und Diskussionsrunden stets ruhig, überlegt, ausgeglichen, freundlich, kompetent, diplomatisch, hilfsbereit, verständnisvoll sein muss. Es müsste drin stehen, dass man keinen grossen Dank für sein Schaffen erwarten kann.
Nun, wer kommt für sein Amt in Frage? Genau: Mütter von Kleinkindern, die in ihrer Funktion all die benötigten Anforderungen tagtäglich bestens erfüllen. Hinzu kommt: Gemäss Zahlen des Schweizerischen Gemeindeverbands sind Frauen in den Gemeindeexekutiven immer noch massiv untervertreten. Lediglich 19 Prozent aller Gemeindepräsidien seien in Frauenhand, schreibt der Verband. Nun also, die Lage scheint klar, oder? Mütter an die Macht!