Moana Mika

Wissenschaftsjournalistin

Schlagwort: Graubünden

  • Winterliebe

    Ein Text mit zwei Empfehlungen.

    Unterdessen ist der Winter im Bergdorf eingekehrt. Der plätschernde Dorfbrunnen ist verstummt, der Garten hinter der Kirche liegt unter einer Schneedecke, und weil die Sonne in diesen Monaten dort nie scheint, wird sich die weisse Decke erst im Frühling allmählich wieder lüften. Genauso die Allee von leuchtgelben Holzpfosten, die die Ortsstrasse säumt. Natürlich schmelzt diese im Frühling nicht einfach so dahin, sondern sie wird von den fleissigen Gemeindemitarbeitern eingesammelt werden, so, als wollten sie ein übergrosses Mikado spielen.

    Der Berg vor meinem Haus verbreitet seine majestätische Ruhe wie eh und je. Eine Ruhe, wie sie so oft nur in den Bergen empfunden werden kann. Um die Mittagszeit glitzert die Westflanke im gleissenden Licht – aber nur ganz kurz, denn die Sonne vermag in dieser Jahreszeit nur einen kleinen Bogen über den Himmel zu ziehen. Am späten Nachmittag – bevor sie sich hinter dem Gipfel weiter westwärts verabschiedet – hüllt sie den Berg vor meinem Haus in ein warmes Gold, manchmal erglüht der Himmel dabei purpur, vielleicht pink, vielleicht violett.

    Es ist die Jahreszeit, in der man sich zu Hause einkuschelt und mit einer heissen Tasse Tee einen gemütlichen Abend verbringen will. Das sage nicht ich, sondern die „Partnervermittlung Harmony“. Im Inserat in der Lokalzeitung schreibt sie: Die Jahreszeit bringe nicht nur den Wunsch nach gemütlichen Abenden, „sondern auch die Sehnsucht nach Zweisamkeit“. Nun ja, wenn das die Partnervermittlung so schreibt, mit all den Jahren an Erfahrung in der Region, will ich das glauben.

    Dieser Text soll aber nicht von der romantischen Liebe handeln, das hatten wir ja schon letztes Mal. Dieser Text soll von der zwischenmenschlichen Liebe handeln. Neulich lese ich nämlich im Newsletter der Republik, dass die zwischenmenschliche Liebe abhandenzukommen scheint. Im Newsletter steht: „Dieser Stich im Herzen, wenn man im Tram einer fremden Person fröhlich zulächelt – und eisige Gleichgültigkeit erntet. […] Autsch! Wo ist die – zwischenmenschliche – Liebe geblieben?, fragt man sich da.“

    Wage erinnere ich mich an die Zeit, als ich noch in der Stadt lebte und ins Tram einstieg, und vielleicht – wer weiss – einer fremden Person zulächelte. In meiner Erinnerung rieche ich nassen Hund, höre quietschende Tramschienen, weinende Kinder, sehe deren gestresste Eltern, sehe feuchtgrauen Novembertag und müde Gesichter, die – wenn nicht ins Handy – dann ganz bestimmt stumpf und einsam vor sich hinstarren, weil es zu viel gibt; zu viel Gedanken, zu viel Arbeit, zu viel Lärm, zu viel alles.

    In meinem Bergdorf ging ich heute zum Volg, um einen frischen Nüsslisalat zu kaufen. Die neue Verkäuferin ist deutlich jünger als ihre Arbeitskolleginnen. Ihr wacher Blick suchte meine Augen beim Einkassieren, und während sie mir einen schönen Tag wünschte, huschte ein scheues Lächeln über ihr Gesicht. Auf dem Weg zurück traf ich meine Nachbarin vor dem Haus. Sie erzählte mir von ihrem Familienbesuch, den sie heute Abend verköstigt, „da ist immer etwas los“, lachte sie, und legte mir dabei ihre Hand auf die Schulter. Doch, denke ich, die zwischenmenschliche Liebe, die gibt es, aber vielleicht nicht überall.

    Die Republik schreibt in ihrem Newsletter natürlich nicht einfach so über die zwischenmenschliche Liebe, sondern sie teasert damit einen ihrer Texte an, und zwar den, der ein neues Buch des Deutschen Schriftstellers Daniel Schreiber diskutiert. Das Buch heisst „Liebe! Ein Aufruf“ und ist – ihr erahnt es – ein Plädoyer für mehr zwischenmenschliche Liebe in unserer Gesellschaft. Und wenn nicht dieses Buch, dann habe ich hier noch eine zweite Empfehlung: Die Harmony-Partnervermittlung.

  • Ein Dyson fühlt nichts

    Warum es manchmal besser wäre, ein Staubsauger zu sein, steht hier:

    Neulich hat es mich erwischt. Es passierte auf dem Weg hoch zur SAC Hütte. Diejenige, die oberhalb des stillen Seitentals auf einem kleinen Übergang thront und zwischen drei Bergseen eingebettet ist. Das Wasser ist so klar, dass man Steine und Pflanzen auf dem Grund erkennt. Am Ufer blühen winzige, weisse Blumen und die Felsen, die ins Wasser recken, sind grossflächig mit hellgrünen Flechten überzogen.

    Der Weg zur Hütte schlängelt sich steil und felsig nach oben. Pedalieren war bald einmal nicht mehr möglich – ich musste mein Bike schieben und später blieb mir nichts anderes mehr übrig, als das Gefährt zu schultern, um über die Felsbrocken zu kommen.

    Ich schnaufte also den Trail hinauf, keuchte unter dem Gewicht des Velos und Rucksacks. Durch den Mund sog ich nach der dünner werdenden Bergluft. Ein Dyson Staubsauger hätte es nicht besser gemacht. Obschon: Auch wenn ich meinen Dyson liebevoll „Dysi“ nenne, bin ich doch überzeugt, dass er nichts fühlen kann. Auch seine Luftröhre nicht. Das ist ein toller Vorteil, den ich nicht hatte: Denn mitten auf dem Weg zur Hütte kündigten sich plötzlich und unheilvoll die Halsschmerzen an.

    Oben angekommen bestellte ich einen Ingwertee. Von der Griessuppe, die zum Znacht aufgetischt wurde, schöpfte ich zweimal, und hoffte irgendwie, die Schmerzen wegschlürfen zu können. Natürlich nützte alles nichts. In der Nacht schwollen meine Gaumenmandeln derart an, dass ich kaum noch schlucken konnte. Ich träumte, ich erstickte unter einer riesigen Wasserflut, schwitzte und fühlte mich fiebrig im Massenschlag.

    Leider blieb es nicht bei dieser einen Nacht. So etwas Hartnäckiges habe ich kaum je erlebt: Wochen später plagten mich die Halsschmerzen immer noch; es half kein Schmerzmittel, keine Gurgellösung, kein Rachentäfeli.

    Hätte ich noch in der Stadt gewohnt, wäre ich auf dem Weg zur Arbeit kurz bei der Apotheke vorbeigegangen. Oder klopfte nach Feierabend womöglich bei der Hausarztpraxis an. Oder holte Rat bei meiner Freundin, die Ärztin ist.

    Nun lebe ich aber nicht mehr in der Stadt, sondern an einem Ort, wo die nächste Apotheke eine halbe Stunde Busfahrt entfernt ist. Der Bus fährt einmal die Stunde. Die nächste Ärztin ist weiss nicht wo. Und für auf den Notfall braucht es wohl 45 Minuten Autofahrt. Um meine persistierenden Halsschmerzen behandeln zu lassen, müsste ich also mindestens einen Halbtag investieren.

    An dieser Stelle möchte ich anfügen, dass es hier nicht um mich und mein Halsweh geht, sondern ich möchte auf etwas ganz anderes hinaus: Die Schweiz hat eine der besten Gesundheitsversorgungen weltweit, das ist bekannt. Allerdings ist diese bei Weitem nicht für alle gleich zugänglich.

    Ich frage mich: Was macht hier die Rentnerin mit dem gebrochenen Oberschenkelhals, die einmal die Woche zur Physio sollte? Lässt der Landwirt seine Prostata beim Urologen in der Stadt untersuchen, wenn’s mit dem Wasserlösen nicht mehr gäbig geht? Wie organisiert sich die junge Mutter, die kurz vor der nächsten Geburt steht? Hat der Nachbar, der seit Jahren im Strassenbau arbeitet, jemals seine Muttermale von einer Dermatologin kontrollieren lassen? Und das Schulkind, das partout nicht sprechen will – wird es zur Kinderpsychologie geschickt?

    Ihr seht: Die Hürden sind extrem hoch, um medizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, wenn man abseits lebt. Und mit schliessenden Geburtenabteilungen, Regionalspitälern und Hausarztpraxen werden sie nicht tiefer, im Gegenteil.

    All diese Fragen, all diese Herausforderungen – sie wirbeln noch ein bisschen in meinem Kopf herum. Etwas unterhalb des Gehirns wird es hingegen endlich ruhiger: Meine Halsschmerzen sind am Abklingen – wie das nun doch noch geklappt hat, teile ich auf Anfrage gerne mit.

    …und nein, die Lösung war dann doch nicht, mich wie mein Dyson zu fühlen.

  • Am schönsten Hintern Graubündens

    Hier gibt es sogar einen Volg! Und was noch, lest ihr hier:

    „Wie heisst das Dorf?“, ist die häufigste Reaktion, die ich kriege, wenn ich erzähle, dass ich umgezogen bin. Die Reaktion kommt normalerweise mit einem Ansatz eines Stirnrunzelns, einem skeptischen Blick, manchmal auch mit einem leicht spöttischen Grinsen. Ich buchstabiere dann jeweils geduldig den Namen des Orts und merke gleichzeitig, dass sich bei mir eine leichte Verlegenheit breit macht – verlegen, dass es mich – tja, tatsächlich – dahin verschlagen hat.

    Ich, die sich vor über zehn Jahren euphorisch ins Stadtleben stürzte: Neueröffnete Bars, Sommer-Pop-ups, Konzerte und alternative Lokale standen auf dem Programm, möglichst viele Leute zu treffen sowieso, um damit auch gleich den Freundinnen- und Bekanntenkreis um ein Vielfaches zu erweitern. Ich, die gesagt hat, aufs Land – nie wieder! und mich in der urbanen, liberalen und linken Kleinstadt in der Komfortzone räkelte. Ich, die dachte, dass ich in meiner Bubble sein kann, wer ich wirklich bin. Ich, die meinte, nur in der Stadt spielt das richtige Leben und anderswo verpasst man den Anschluss – wohin auch immer.

    Nun bin ich also im Dorf. Hier gibt es einen Volg (sogar am Samstag offen), eine Kirche (immer offen) und ein Altersheim (Öffnungszeiten unbekannt). Im Dorf leben um die 400 Menschen, weiss Wikipedia, und mindestens genauso viele Kühe, schätze ich. Das Dorf liegt irgendwo im Bündnerland, auf 1180 Meter über Meer, an einem sonnigen Südhang einer Gemeinde, die ein ganzes Tal umfasst. Fertig angesagte Bars, internationale Fusion-Küche und überteuerter Flat-White-Kaffee.

    Während ich diese Zeilen tippe, blicke ich über den Laptoprand hinaus auf den symmetrischen Kegel des Gipfels, der immer noch eine Schneehaube trägt. Ich höre die Vögel durchs offene Fenster singen und rieche das frisch gemähte Gras auf den Wiesen vor dem Haus. Ich denke, ja, das Dorf liegt am Hintern der Welt, keine Frage, aber: Es ist vielleicht der schönste Hintern in ganz Graubünden.

    Der Grund ist: Das Dorf liegt mitten in einem Naturpark. Der Park ist rund 660 Quadratkilometer gross, das ist etwas grösser als der Bodensee. Fast ein Drittel der Fläche sind unberührte Natur – und diese haut mich jeden Tag wieder von Neuem um. Ich muss dafür bloss aus dem Fenster schauen, oder noch besser: ich gehe auf Erkundungstour. Auf einer solchen nahm ich kürzlich mein Notizbuch mit und versuchte, die mich umhauende Natur in Worte zu fassen. Ganze Sätze kamen nicht zu Stande – es tönt platt, ich weiss, aber irgendwie ist sie halt eben doch unbeschreiblich. Zumindest kritzelte ich dann doch noch die folgenden Begriffe aufs Papier: Karg, verwunschen, abenteuerlich, unberührt, kraftvoll, mystisch, romantisch, roh, ausgesetzt, wild.

    Ich setze mich also aufs Bike und fahre über Trails, die von mehr Rehen begangen werden als von sonst wem. Meine Lungen sind gefüllt mit frischer Luft, die nach Nadelbäumen duftet, nach Alpenrosen, die zaghaft  zu blühen beginnen, und nach würziger Bergwiese. Oder ich schwinge mich aufs Gravel und trample hoch zu den Felstürmen in der Umgebung. Sie strahlen eine wohlige Wärme ab, so dass ich noch bis spät in den Abend dort sitze und die Aussicht übers Tal geniesse. Oder ich spaziere am Mittag los, den Teller mit dem Essen in der Hand, und erreiche innert Minuten die kleine Kapelle, setze mich aufs Bänkli in die Sonne und schaue rüber zum Wasserfall, der ins Tobel runterstürzt.

    Meine Meditations-App sagte mir kürzlich, ich solle mir vorstellen, ich sei steady like a mountain. Ich schaue also auf diesen Wasserfall, auf die Berge, auf die umliegenden Wiesen und denke, mehr steady kann ich imfall gar nicht sein.