Moana Mika

Wissenschaftsjournalistin

Schlagwort: Infrastruktur

  • Ein Dyson fühlt nichts

    Warum es manchmal besser wäre, ein Staubsauger zu sein, steht hier:

    Neulich hat es mich erwischt. Es passierte auf dem Weg hoch zur SAC Hütte. Diejenige, die oberhalb des stillen Seitentals auf einem kleinen Übergang thront und zwischen drei Bergseen eingebettet ist. Das Wasser ist so klar, dass man Steine und Pflanzen auf dem Grund erkennt. Am Ufer blühen winzige, weisse Blumen und die Felsen, die ins Wasser recken, sind grossflächig mit hellgrünen Flechten überzogen.

    Der Weg zur Hütte schlängelt sich steil und felsig nach oben. Pedalieren war bald einmal nicht mehr möglich – ich musste mein Bike schieben und später blieb mir nichts anderes mehr übrig, als das Gefährt zu schultern, um über die Felsbrocken zu kommen.

    Ich schnaufte also den Trail hinauf, keuchte unter dem Gewicht des Velos und Rucksacks. Durch den Mund sog ich nach der dünner werdenden Bergluft. Ein Dyson Staubsauger hätte es nicht besser gemacht. Obschon: Auch wenn ich meinen Dyson liebevoll „Dysi“ nenne, bin ich doch überzeugt, dass er nichts fühlen kann. Auch seine Luftröhre nicht. Das ist ein toller Vorteil, den ich nicht hatte: Denn mitten auf dem Weg zur Hütte kündigten sich plötzlich und unheilvoll die Halsschmerzen an.

    Oben angekommen bestellte ich einen Ingwertee. Von der Griessuppe, die zum Znacht aufgetischt wurde, schöpfte ich zweimal, und hoffte irgendwie, die Schmerzen wegschlürfen zu können. Natürlich nützte alles nichts. In der Nacht schwollen meine Gaumenmandeln derart an, dass ich kaum noch schlucken konnte. Ich träumte, ich erstickte unter einer riesigen Wasserflut, schwitzte und fühlte mich fiebrig im Massenschlag.

    Leider blieb es nicht bei dieser einen Nacht. So etwas Hartnäckiges habe ich kaum je erlebt: Wochen später plagten mich die Halsschmerzen immer noch; es half kein Schmerzmittel, keine Gurgellösung, kein Rachentäfeli.

    Hätte ich noch in der Stadt gewohnt, wäre ich auf dem Weg zur Arbeit kurz bei der Apotheke vorbeigegangen. Oder klopfte nach Feierabend womöglich bei der Hausarztpraxis an. Oder holte Rat bei meiner Freundin, die Ärztin ist.

    Nun lebe ich aber nicht mehr in der Stadt, sondern an einem Ort, wo die nächste Apotheke eine halbe Stunde Busfahrt entfernt ist. Der Bus fährt einmal die Stunde. Die nächste Ärztin ist weiss nicht wo. Und für auf den Notfall braucht es wohl 45 Minuten Autofahrt. Um meine persistierenden Halsschmerzen behandeln zu lassen, müsste ich also mindestens einen Halbtag investieren.

    An dieser Stelle möchte ich anfügen, dass es hier nicht um mich und mein Halsweh geht, sondern ich möchte auf etwas ganz anderes hinaus: Die Schweiz hat eine der besten Gesundheitsversorgungen weltweit, das ist bekannt. Allerdings ist diese bei Weitem nicht für alle gleich zugänglich.

    Ich frage mich: Was macht hier die Rentnerin mit dem gebrochenen Oberschenkelhals, die einmal die Woche zur Physio sollte? Lässt der Landwirt seine Prostata beim Urologen in der Stadt untersuchen, wenn’s mit dem Wasserlösen nicht mehr gäbig geht? Wie organisiert sich die junge Mutter, die kurz vor der nächsten Geburt steht? Hat der Nachbar, der seit Jahren im Strassenbau arbeitet, jemals seine Muttermale von einer Dermatologin kontrollieren lassen? Und das Schulkind, das partout nicht sprechen will – wird es zur Kinderpsychologie geschickt?

    Ihr seht: Die Hürden sind extrem hoch, um medizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, wenn man abseits lebt. Und mit schliessenden Geburtenabteilungen, Regionalspitälern und Hausarztpraxen werden sie nicht tiefer, im Gegenteil.

    All diese Fragen, all diese Herausforderungen – sie wirbeln noch ein bisschen in meinem Kopf herum. Etwas unterhalb des Gehirns wird es hingegen endlich ruhiger: Meine Halsschmerzen sind am Abklingen – wie das nun doch noch geklappt hat, teile ich auf Anfrage gerne mit.

    …und nein, die Lösung war dann doch nicht, mich wie mein Dyson zu fühlen.

  • No internet, no problem

    Wie ich durch ein Interview mit einer Ärztin zum Bundesamt für Kommunikation und einem feinen Capuccino gekommen bin, lest ihr hier.

    No internet, no problem – schön wär’s. Aber bekanntlich leben wir nicht mehr in Zeiten von Brieftauben und Postkutschen. Und wer im Home Office arbeitet, weiss erst recht, dass ohne das allmächtige Netz bald einmal gar nichts mehr läuft. Da löst sich die Grenze zwischen produktivem Office und kümmerlichem Rumlümmeln im Homedress gleich mit dem schwindenden Internetempfang auf. Recherche, Rechnungsstellung, E-Mails, Datenverarbeitung, Softwares – wer eine offline Variante kennt, meldet sich bitte in der Kommentarspalte.

    Nun, natürlich übertreibe ich. In dem Dorf, wo ich lebe, gibt es Internet. Bloss: Es ist seeehr langsam.

    Kurz nachdem ich mich im Bergdorf häuslich eingerichtet habe, hatte ich ein Interview mit einer Professorin aus Zürich eingeplant. Ich freute mich – sie ist in ihrem Fachgebiet eine Expertin, hat viel publiziert, äussert sich regelmässig in den Medien und scheint zu allem auch noch sehr charismatisch zu sein. Für das Interview schlug ich ihr einen halbstündigen Video-Call vor.

    Am besagten Tag bereitete ich mich gewissenhaft vor; ging nochmals alle Fragen durch, informierte mich über dieses und jenes, machte mir Notizen. Ich wählte mich frühzeitig in den Call ein – alles schien zu klappen. Bis sich die Professorin dazuschaltete: Ihr Bild erschien auf meinem Laptop – helle Blouse, blondweisse Locken, dezenter Lippenstift, wacher Blick. Sie schien etwas zu sagen, doch ich hörte – nichts. Und kurz darauf war auch noch ihr Bild eingefroren. Ich hingegen spürte die Hitze in mir hochsteigen. Zögerlich fragte ich in den Laptop: „Können Sie mich hören?“, obwohl ich bereits wusste, dass ich keine Antwort erwarten durfte. Die Verbindung war tot.

    Das Bundesamt für Kommunikation BAKOM betreibt auf seiner Website einen sogenannten Breitbandatlas. Der Atlas ist eine interaktive Karte der Schweiz, die die Abdeckung des Mobilfunknetzes aufzeigt. Man kann also bis ins Bergdorf, in dem ich lebe, in die Karte reinzoomen und erhält eine Idee, wie es so um’s Internet steht. Fakt ist: Hier gibt es zwei verschiedene Telekom-Anbieter – immerhin – aber: Kein 5G, kein Glasfaser-Anschluss und eine Download-Geschwindigkeit von 30 bis maximal 100 Megabits pro Sekunde. Das sagte mir natürlich erstmal gar nichts, aber auch hier weiss das BAKOM weiter. Auf der Website steht:

    Für einfache Aufgaben wie Surfen, E-Mails und gelegentliches Streaming sind 16 bis 50 Mbit/s ausreichend. Bei intensiverer Nutzung, wie z.B. Video-Streaming in hoher Qualität, Online-Gaming oder Homeoffice mit Videokonferenzen, sind 50 bis 100 Mbit/s oder mehr empfehlenswert.

    Behörden und Telekom-Anbieter scheinen also davon auszugehen, dass im Bergdorf lediglich „einfache Aufgaben“ gemacht werden. Wozu sollte der Bauer, die Volg-Verkäuferin oder die Rentnerin auch schnelles Internet benötigen? Sie können sich ja an der Aussicht auf die Bergwelt satt sehen, anstatt die neuste Netflix-Serie zu streamen.

    Alles andere als einfach erschien mir hingegen die Aufgabe, aus dem stockenden Call mit der Professorin doch noch ein fliessendes Interview hinzukriegen. Die Lösung war schliesslich, meine Kamera auszuschalten. Die Professorin übrigens, die nahm es mit der Ruhe und Gelassenheit einer erfahrenen Ärztin – es hing ja schliesslich kein Patientenleben davon ab.

    Mein Learning daraus? Seither plane ich meine Arbeitstage mit Interviews jeweils in einem gemütlichen Café in der nächsten Kleinstadt ein. Dort funktioniert der Webcall auch mit Bild und obendrein gibt’s Capuccino mit viel Milchschaum und Brioches aus Zopfteig. Yep, man muss sich nur zu helfen wissen.