Moana Mika

Wissenschaftsjournalistin

Schlagwort: Infrastruktur

  • Anschlag

    Es gibt einige Gründe, warum ich keine Rüebli mehr selber anpflanze. Einer ist das Anschlagbrett.

    Als ich noch in der Stadt wohnte, hatte ich einen kleinen Balkon, der gegen Osten blickte. Wenn ich im Sommer mit den Spatzen aufstand, konnte ich die Sonne an der Flanke des Hausbergs aufgehen sehen. Bis weit in den Nachmittag hinein war ein Schattenplätzchen auf dem Balkon nur schwierig zu finden. 

    Elisabeth, die französischsprechende Nachbarin, die direkt gegenüber mir wohnte, hatte nicht nur den charmantesten Akzent, sondern auch den grünsten Daumen im ganzen Block. Auf ihrem Balkon wuchs Sommer für Sommer ein üppiger Dschungel heran. Mich hätte es nicht überrascht, wenn sie im Herbst Orangen, Feigen und Kakis geerntet hätte. 

    Elisabeth vermachte mir nach einer ihrer wiederkehrenden Aufräumaktionen (J’ai trop de choses !) zwar keine mediterranen Früchte, dafür aber ein paar Blumenkisten. Und weil mein Balkon so schön sonnig war, und mir die Natur in der Stadt manchmal schrecklich weit weg erschien, und ich doch mal was mit den Händen machen sollte und auch noch so viel Gemüse verputzte, füllte ich die Kistchen mit frischer Erde und streute Rüebli-Samen hinein. 

    Es wuchsen nur wenige Rüebli heran. Sie waren klein, krumm und unförmig. Aber schnitt ich eines in den Salat, machte das etwa so viel Spass, wie zu entdecken, dass auf dem Anschlagbrett auf der anderen Strassenseite meiner jetzigen Wohnung eine neue Mitteilung angeheftet wurde.

    In dem Bergdorf, in dem ich lebe, gibt es vier Anschlagbretter. In jedem stecken unzählige Pinnnadeln, viele rostig, viele mit verblichener Farbe. Wie alte Konfetti sehen sie aus, die treu und geduldig an dem braunen Holz kleben bleiben.

    Die Nachrichten an den Anschlagbrettern sind wie Rüebli vom Balkon. Viele von Hand geschrieben, manche etwas schwer zu entziffern, dafür leicht in der Kost und mit einer starken Note Herzlichkeit. Manchmal muss ich mich ein paar Wochen gedulden, bis etwas Neues hinzu kommt. Umso exquisiter erscheinen mir die News. Ich lese, dass der Regionalpark eine Vogelexkursion mit Brunch anbietet. Dass es im Nachbarsdorf neu eine Physiotherapie gibt. Dass die Dorfkirche demnächst zum Konzertsaal wird.

    Im urbanen Sankt-Johann-Quartier in der Stadt Basel gibt es seit gut einem Jahr eine Wandzeitung, die nur in gedruckter Ausgabe erscheint und jeweils an verschiedenen Orten im Quartier aufgehängt wird. In Bezug auf die Postleitzahl des Stadtteils wurde die Wandzeitung Anschlag56 getauft. Die Herausgeber:innen von Anschlag56 sagten in einem Interview mit der Basler Lokalzeitung bajour, die Wandzeitung sei „Papier fürs Quartier“. Die Idee sei, nicht so viel am Handy zu hängen, sondern rauszugehen und zu lesen. Back to the roots, also. 

    Mich dünkt dies ein guter Ansatz, den auch ich bei mir zu Hause gerne befolge. Er erspart mir nämlich auch das Rüebli-Anpflanzen. Die orangen Dinger kaufe ich jetzt im Dorfladen. Auf dem Weg dorthin komme ich gleich an zwei Anschlagbrettern vorbei. Yay!

  • Ein Dyson fühlt nichts

    Warum es manchmal besser wäre, ein Staubsauger zu sein, steht hier:

    Neulich hat es mich erwischt. Es passierte auf dem Weg hoch zur SAC Hütte. Diejenige, die oberhalb des stillen Seitentals auf einem kleinen Übergang thront und zwischen drei Bergseen eingebettet ist. Das Wasser ist so klar, dass man Steine und Pflanzen auf dem Grund erkennt. Am Ufer blühen winzige, weisse Blumen und die Felsen, die ins Wasser recken, sind grossflächig mit hellgrünen Flechten überzogen.

    Der Weg zur Hütte schlängelt sich steil und felsig nach oben. Pedalieren war bald einmal nicht mehr möglich – ich musste mein Bike schieben und später blieb mir nichts anderes mehr übrig, als das Gefährt zu schultern, um über die Felsbrocken zu kommen.

    Ich schnaufte also den Trail hinauf, keuchte unter dem Gewicht des Velos und Rucksacks. Durch den Mund sog ich nach der dünner werdenden Bergluft. Ein Dyson Staubsauger hätte es nicht besser gemacht. Obschon: Auch wenn ich meinen Dyson liebevoll „Dysi“ nenne, bin ich doch überzeugt, dass er nichts fühlen kann. Auch seine Luftröhre nicht. Das ist ein toller Vorteil, den ich nicht hatte: Denn mitten auf dem Weg zur Hütte kündigten sich plötzlich und unheilvoll die Halsschmerzen an.

    Oben angekommen bestellte ich einen Ingwertee. Von der Griessuppe, die zum Znacht aufgetischt wurde, schöpfte ich zweimal, und hoffte irgendwie, die Schmerzen wegschlürfen zu können. Natürlich nützte alles nichts. In der Nacht schwollen meine Gaumenmandeln derart an, dass ich kaum noch schlucken konnte. Ich träumte, ich erstickte unter einer riesigen Wasserflut, schwitzte und fühlte mich fiebrig im Massenschlag.

    Leider blieb es nicht bei dieser einen Nacht. So etwas Hartnäckiges habe ich kaum je erlebt: Wochen später plagten mich die Halsschmerzen immer noch; es half kein Schmerzmittel, keine Gurgellösung, kein Rachentäfeli.

    Hätte ich noch in der Stadt gewohnt, wäre ich auf dem Weg zur Arbeit kurz bei der Apotheke vorbeigegangen. Oder klopfte nach Feierabend womöglich bei der Hausarztpraxis an. Oder holte Rat bei meiner Freundin, die Ärztin ist.

    Nun lebe ich aber nicht mehr in der Stadt, sondern an einem Ort, wo die nächste Apotheke eine halbe Stunde Busfahrt entfernt ist. Der Bus fährt einmal die Stunde. Die nächste Ärztin ist weiss nicht wo. Und für auf den Notfall braucht es wohl 45 Minuten Autofahrt. Um meine persistierenden Halsschmerzen behandeln zu lassen, müsste ich also mindestens einen Halbtag investieren.

    An dieser Stelle möchte ich anfügen, dass es hier nicht um mich und mein Halsweh geht, sondern ich möchte auf etwas ganz anderes hinaus: Die Schweiz hat eine der besten Gesundheitsversorgungen weltweit, das ist bekannt. Allerdings ist diese bei Weitem nicht für alle gleich zugänglich.

    Ich frage mich: Was macht hier die Rentnerin mit dem gebrochenen Oberschenkelhals, die einmal die Woche zur Physio sollte? Lässt der Landwirt seine Prostata beim Urologen in der Stadt untersuchen, wenn’s mit dem Wasserlösen nicht mehr gäbig geht? Wie organisiert sich die junge Mutter, die kurz vor der nächsten Geburt steht? Hat der Nachbar, der seit Jahren im Strassenbau arbeitet, jemals seine Muttermale von einer Dermatologin kontrollieren lassen? Und das Schulkind, das partout nicht sprechen will – wird es zur Kinderpsychologie geschickt?

    Ihr seht: Die Hürden sind extrem hoch, um medizinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, wenn man abseits lebt. Und mit schliessenden Geburtenabteilungen, Regionalspitälern und Hausarztpraxen werden sie nicht tiefer, im Gegenteil.

    All diese Fragen, all diese Herausforderungen – sie wirbeln noch ein bisschen in meinem Kopf herum. Etwas unterhalb des Gehirns wird es hingegen endlich ruhiger: Meine Halsschmerzen sind am Abklingen – wie das nun doch noch geklappt hat, teile ich auf Anfrage gerne mit.

    …und nein, die Lösung war dann doch nicht, mich wie mein Dyson zu fühlen.

  • No internet, no problem

    Wie ich durch ein Interview mit einer Ärztin zum Bundesamt für Kommunikation und einem feinen Capuccino gekommen bin, lest ihr hier.

    No internet, no problem – schön wär’s. Aber bekanntlich leben wir nicht mehr in Zeiten von Brieftauben und Postkutschen. Und wer im Home Office arbeitet, weiss erst recht, dass ohne das allmächtige Netz bald einmal gar nichts mehr läuft. Da löst sich die Grenze zwischen produktivem Office und kümmerlichem Rumlümmeln im Homedress gleich mit dem schwindenden Internetempfang auf. Recherche, Rechnungsstellung, E-Mails, Datenverarbeitung, Softwares – wer eine offline Variante kennt, meldet sich bitte in der Kommentarspalte.

    Nun, natürlich übertreibe ich. In dem Dorf, wo ich lebe, gibt es Internet. Bloss: Es ist seeehr langsam.

    Kurz nachdem ich mich im Bergdorf häuslich eingerichtet habe, hatte ich ein Interview mit einer Professorin aus Zürich eingeplant. Ich freute mich – sie ist in ihrem Fachgebiet eine Expertin, hat viel publiziert, äussert sich regelmässig in den Medien und scheint zu allem auch noch sehr charismatisch zu sein. Für das Interview schlug ich ihr einen halbstündigen Video-Call vor.

    Am besagten Tag bereitete ich mich gewissenhaft vor; ging nochmals alle Fragen durch, informierte mich über dieses und jenes, machte mir Notizen. Ich wählte mich frühzeitig in den Call ein – alles schien zu klappen. Bis sich die Professorin dazuschaltete: Ihr Bild erschien auf meinem Laptop – helle Blouse, blondweisse Locken, dezenter Lippenstift, wacher Blick. Sie schien etwas zu sagen, doch ich hörte – nichts. Und kurz darauf war auch noch ihr Bild eingefroren. Ich hingegen spürte die Hitze in mir hochsteigen. Zögerlich fragte ich in den Laptop: „Können Sie mich hören?“, obwohl ich bereits wusste, dass ich keine Antwort erwarten durfte. Die Verbindung war tot.

    Das Bundesamt für Kommunikation BAKOM betreibt auf seiner Website einen sogenannten Breitbandatlas. Der Atlas ist eine interaktive Karte der Schweiz, die die Abdeckung des Mobilfunknetzes aufzeigt. Man kann also bis ins Bergdorf, in dem ich lebe, in die Karte reinzoomen und erhält eine Idee, wie es so um’s Internet steht. Fakt ist: Hier gibt es zwei verschiedene Telekom-Anbieter – immerhin – aber: Kein 5G, kein Glasfaser-Anschluss und eine Download-Geschwindigkeit von 30 bis maximal 100 Megabits pro Sekunde. Das sagte mir natürlich erstmal gar nichts, aber auch hier weiss das BAKOM weiter. Auf der Website steht:

    Für einfache Aufgaben wie Surfen, E-Mails und gelegentliches Streaming sind 16 bis 50 Mbit/s ausreichend. Bei intensiverer Nutzung, wie z.B. Video-Streaming in hoher Qualität, Online-Gaming oder Homeoffice mit Videokonferenzen, sind 50 bis 100 Mbit/s oder mehr empfehlenswert.

    Behörden und Telekom-Anbieter scheinen also davon auszugehen, dass im Bergdorf lediglich „einfache Aufgaben“ gemacht werden. Wozu sollte der Bauer, die Volg-Verkäuferin oder die Rentnerin auch schnelles Internet benötigen? Sie können sich ja an der Aussicht auf die Bergwelt satt sehen, anstatt die neuste Netflix-Serie zu streamen.

    Alles andere als einfach erschien mir hingegen die Aufgabe, aus dem stockenden Call mit der Professorin doch noch ein fliessendes Interview hinzukriegen. Die Lösung war schliesslich, meine Kamera auszuschalten. Die Professorin übrigens, die nahm es mit der Ruhe und Gelassenheit einer erfahrenen Ärztin – es hing ja schliesslich kein Patientenleben davon ab.

    Mein Learning daraus? Seither plane ich meine Arbeitstage mit Interviews jeweils in einem gemütlichen Café in der nächsten Kleinstadt ein. Dort funktioniert der Webcall auch mit Bild und obendrein gibt’s Capuccino mit viel Milchschaum und Brioches aus Zopfteig. Yep, man muss sich nur zu helfen wissen.