Moana Mika

Wissenschaftsjournalistin

Schlagwort: Natur

  • Störgeräusche

    Was Stubenfliegen und Spassfahrzeuge gemeinsam haben:

    Es gibt das eine und andere, das man vom Leben auf dem Land erwarten durfte. Dazu gehört die frische Luft, das Geläute der Kirchenglocken oder dass man sich im Dorf freundlich grüsst. Es gibt aber auch Dinge, die hatte ich so nicht auf dem Radar. Zum Beispiel: Stubenfliegen. 

    Die Stubenfliegen in meiner Stube haben mich zur kaltblütigen Killerin gemacht. Natürlich habe ich es zuerst anders versucht: Durchzug! Alle Fenster öffnen! Nur raus mit ihnen! Ich habe wild mit meinen Armen gefuchtelt, habe versucht, sie mit blossen Händen einzufangen, habe sie weggescheucht. Nur: Nichts nützte. Immer und immer wieder landen die Viecher auf meiner Stirn, meinen nackten Füssen unter dem Tisch oder meinen Händen, auch dann noch, wenn die wie besessen auf der Tastatur auf und ab tippen.

    An Arbeit ist dann erstmal nicht mehr zu denken. Besorgt schnüffle ich an meinem Arm – dort wo soeben noch die Fliege sass. Vielleicht müsste ich duschen? Eine kurze Recherche lehrt mich aber, dass die Fliegen hungrig sind und sich von Hautschuppen ernähren, ganz egal, ob die von frisch gewaschener Haut geknabbert werden, von der Kuh, die sich im Stall räkelt oder vom Hund, der nur alle paar Wochen eine Dusche kriegt. Also rolle ich die Lokalzeitung zusammen, diejenige, die über die letzte Gewerbeausstellung berichtet, hole aus, schiebe die letzten moralischen Einwände beiseite und klatsche nach den Störenfrieden.

    Meine Erfolgsrate ist bescheiden. Es kommt vor, dass die Fliege Sekunden nach meinem Angriff putzmunter neben mir sitzt und hämisch die Vorderbeinchen aneinander reibt. So, als wollte sie mir sagen, dass sie mit mir fertig wird und nicht ich mit ihr. Resigniert übe ich mich in Akzeptanz.

    Ganz ähnlich ergeht es mir mit einem weiteren Ruhestörer. Nun, ich werde mir hiermit wohl keine Freund:innen machen: Aber ganz ähnlich wie mit den Stubenfliegen ergeht es mir mit den Spassfahrzeugen. Spassfahrzeuge sind motorisierte Gefährte, die nicht dazu da sind, um von A nach B zu gelangen, sondern um damit in der Gegend herumzukurven – weil es eben Spass macht. Versteht mich nicht falsch – ich bin eine grosse Fan von Spass! Aber manchmal stimmt es leider: Des einen Spass‘, des anderen Leids.

    Gemäss Bundesamt für Statistik waren 2024 insgesamt 810’408 Motorfahrräder zugelassen. Das sind ganze 64 Prozent mehr als noch 2020. Im Durchschnitt besitzt also jede zehnte Person in der Schweiz einen Töff. Und dann kommen noch alle Cabrioletsfahrerinnen dazu, alle Sportwagenbesitzer und all jene, die einen schicken Oldtimer das Eigen nennen. Dass die alle vor meinem Fenster vorbei fahren, ist zuerst einmal verständlich: Kurve um Kurve, Pass um Pass durch die Bergwelt zu flitzen, ist toll. Es ist befreiend. Und aufregend, sowieso.

    Die Kehrseite: Spassfahrzeuge sind laut, sehr laut. Meistens werden sie in Gruppen ausgefahren und nicht selten lassen Fahrer:innen noch einmal kurz die Motore ihrer Maschinen aufheulen, bevor die Geschwindigkeit innerorts gedrosselt werden muss. Wenn dies an sonnigen Wochenenden im Sekundentakt geschieht, kann es für Anwohner:innen zu einer echten Strapaze werden.

    Aber keine Angst: Anders als bei meinem Kampf gegen die Stubenfliege stehe ich nicht Godzilla-like auf der Strasse und versuche, Autos und Töffs wegzuklatschen. Nein, ich übe mich von vorneweg in Toleranz.

    Zudem beschleicht mich unterdessen auch eine gewisse Tragik, wenn ich an Spassfahrzeuge denke. Denn es vergeht kaum ein Wochenende, an dem ich nicht den Heli am Strassenrand sehe, die Ambulanz mit Blaulicht höre oder an eine Strassensperre gerate. Neulich klebte nach einem Unfall in einer besonders fiesen Kurve noch tagelang getrocknetes Blut auf dem Belag.

    Also liebe Töffler, Sportwagenfahrerinnen und Cabrioletsbesitzer: Passt auf euch auf! Und liebe Stubenfliegen: Sucht euch doch bitte ein anderes Opfer.

  • Am schönsten Hintern Graubündens

    Hier gibt es sogar einen Volg! Und was noch, lest ihr hier:

    „Wie heisst das Dorf?“, ist die häufigste Reaktion, die ich kriege, wenn ich erzähle, dass ich umgezogen bin. Die Reaktion kommt normalerweise mit einem Ansatz eines Stirnrunzelns, einem skeptischen Blick, manchmal auch mit einem leicht spöttischen Grinsen. Ich buchstabiere dann jeweils geduldig den Namen des Orts und merke gleichzeitig, dass sich bei mir eine leichte Verlegenheit breit macht – verlegen, dass es mich – tja, tatsächlich – dahin verschlagen hat.

    Ich, die sich vor über zehn Jahren euphorisch ins Stadtleben stürzte: Neueröffnete Bars, Sommer-Pop-ups, Konzerte und alternative Lokale standen auf dem Programm, möglichst viele Leute zu treffen sowieso, um damit auch gleich den Freundinnen- und Bekanntenkreis um ein Vielfaches zu erweitern. Ich, die gesagt hat, aufs Land – nie wieder! und mich in der urbanen, liberalen und linken Kleinstadt in der Komfortzone räkelte. Ich, die dachte, dass ich in meiner Bubble sein kann, wer ich wirklich bin. Ich, die meinte, nur in der Stadt spielt das richtige Leben und anderswo verpasst man den Anschluss – wohin auch immer.

    Nun bin ich also im Dorf. Hier gibt es einen Volg (sogar am Samstag offen), eine Kirche (immer offen) und ein Altersheim (Öffnungszeiten unbekannt). Im Dorf leben um die 400 Menschen, weiss Wikipedia, und mindestens genauso viele Kühe, schätze ich. Das Dorf liegt irgendwo im Bündnerland, auf 1180 Meter über Meer, an einem sonnigen Südhang einer Gemeinde, die ein ganzes Tal umfasst. Fertig angesagte Bars, internationale Fusion-Küche und überteuerter Flat-White-Kaffee.

    Während ich diese Zeilen tippe, blicke ich über den Laptoprand hinaus auf den symmetrischen Kegel des Gipfels, der immer noch eine Schneehaube trägt. Ich höre die Vögel durchs offene Fenster singen und rieche das frisch gemähte Gras auf den Wiesen vor dem Haus. Ich denke, ja, das Dorf liegt am Hintern der Welt, keine Frage, aber: Es ist vielleicht der schönste Hintern in ganz Graubünden.

    Der Grund ist: Das Dorf liegt mitten in einem Naturpark. Der Park ist rund 660 Quadratkilometer gross, das ist etwas grösser als der Bodensee. Fast ein Drittel der Fläche sind unberührte Natur – und diese haut mich jeden Tag wieder von Neuem um. Ich muss dafür bloss aus dem Fenster schauen, oder noch besser: ich gehe auf Erkundungstour. Auf einer solchen nahm ich kürzlich mein Notizbuch mit und versuchte, die mich umhauende Natur in Worte zu fassen. Ganze Sätze kamen nicht zu Stande – es tönt platt, ich weiss, aber irgendwie ist sie halt eben doch unbeschreiblich. Zumindest kritzelte ich dann doch noch die folgenden Begriffe aufs Papier: Karg, verwunschen, abenteuerlich, unberührt, kraftvoll, mystisch, romantisch, roh, ausgesetzt, wild.

    Ich setze mich also aufs Bike und fahre über Trails, die von mehr Rehen begangen werden als von sonst wem. Meine Lungen sind gefüllt mit frischer Luft, die nach Nadelbäumen duftet, nach Alpenrosen, die zaghaft  zu blühen beginnen, und nach würziger Bergwiese. Oder ich schwinge mich aufs Gravel und trample hoch zu den Felstürmen in der Umgebung. Sie strahlen eine wohlige Wärme ab, so dass ich noch bis spät in den Abend dort sitze und die Aussicht übers Tal geniesse. Oder ich spaziere am Mittag los, den Teller mit dem Essen in der Hand, und erreiche innert Minuten die kleine Kapelle, setze mich aufs Bänkli in die Sonne und schaue rüber zum Wasserfall, der ins Tobel runterstürzt.

    Meine Meditations-App sagte mir kürzlich, ich solle mir vorstellen, ich sei steady like a mountain. Ich schaue also auf diesen Wasserfall, auf die Berge, auf die umliegenden Wiesen und denke, mehr steady kann ich imfall gar nicht sein.