Moana Mika

Wissenschaftsjournalistin

Schlagwort: Stadt

  • Am schönsten Hintern Graubündens

    Hier gibt es sogar einen Volg! Und was noch, lest ihr hier:

    „Wie heisst das Dorf?“, ist die häufigste Reaktion, die ich kriege, wenn ich erzähle, dass ich umgezogen bin. Die Reaktion kommt normalerweise mit einem Ansatz eines Stirnrunzelns, einem skeptischen Blick, manchmal auch mit einem leicht spöttischen Grinsen. Ich buchstabiere dann jeweils geduldig den Namen des Orts und merke gleichzeitig, dass sich bei mir eine leichte Verlegenheit breit macht – verlegen, dass es mich – tja, tatsächlich – dahin verschlagen hat.

    Ich, die sich vor über zehn Jahren euphorisch ins Stadtleben stürzte: Neueröffnete Bars, Sommer-Pop-ups, Konzerte und alternative Lokale standen auf dem Programm, möglichst viele Leute zu treffen sowieso, um damit auch gleich den Freundinnen- und Bekanntenkreis um ein Vielfaches zu erweitern. Ich, die gesagt hat, aufs Land – nie wieder! und mich in der urbanen, liberalen und linken Kleinstadt in der Komfortzone räkelte. Ich, die dachte, dass ich in meiner Bubble sein kann, wer ich wirklich bin. Ich, die meinte, nur in der Stadt spielt das richtige Leben und anderswo verpasst man den Anschluss – wohin auch immer.

    Nun bin ich also im Dorf. Hier gibt es einen Volg (sogar am Samstag offen), eine Kirche (immer offen) und ein Altersheim (Öffnungszeiten unbekannt). Im Dorf leben um die 400 Menschen, weiss Wikipedia, und mindestens genauso viele Kühe, schätze ich. Das Dorf liegt irgendwo im Bündnerland, auf 1180 Meter über Meer, an einem sonnigen Südhang einer Gemeinde, die ein ganzes Tal umfasst. Fertig angesagte Bars, internationale Fusion-Küche und überteuerter Flat-White-Kaffee.

    Während ich diese Zeilen tippe, blicke ich über den Laptoprand hinaus auf den symmetrischen Kegel des Gipfels, der immer noch eine Schneehaube trägt. Ich höre die Vögel durchs offene Fenster singen und rieche das frisch gemähte Gras auf den Wiesen vor dem Haus. Ich denke, ja, das Dorf liegt am Hintern der Welt, keine Frage, aber: Es ist vielleicht der schönste Hintern in ganz Graubünden.

    Der Grund ist: Das Dorf liegt mitten in einem Naturpark. Der Park ist rund 660 Quadratkilometer gross, das ist etwas grösser als der Bodensee. Fast ein Drittel der Fläche sind unberührte Natur – und diese haut mich jeden Tag wieder von Neuem um. Ich muss dafür bloss aus dem Fenster schauen, oder noch besser: ich gehe auf Erkundungstour. Auf einer solchen nahm ich kürzlich mein Notizbuch mit und versuchte, die mich umhauende Natur in Worte zu fassen. Ganze Sätze kamen nicht zu Stande – es tönt platt, ich weiss, aber irgendwie ist sie halt eben doch unbeschreiblich. Zumindest kritzelte ich dann doch noch die folgenden Begriffe aufs Papier: Karg, verwunschen, abenteuerlich, unberührt, kraftvoll, mystisch, romantisch, roh, ausgesetzt, wild.

    Ich setze mich also aufs Bike und fahre über Trails, die von mehr Rehen begangen werden als von sonst wem. Meine Lungen sind gefüllt mit frischer Luft, die nach Nadelbäumen duftet, nach Alpenrosen, die zaghaft  zu blühen beginnen, und nach würziger Bergwiese. Oder ich schwinge mich aufs Gravel und trample hoch zu den Felstürmen in der Umgebung. Sie strahlen eine wohlige Wärme ab, so dass ich noch bis spät in den Abend dort sitze und die Aussicht übers Tal geniesse. Oder ich spaziere am Mittag los, den Teller mit dem Essen in der Hand, und erreiche innert Minuten die kleine Kapelle, setze mich aufs Bänkli in die Sonne und schaue rüber zum Wasserfall, der ins Tobel runterstürzt.

    Meine Meditations-App sagte mir kürzlich, ich solle mir vorstellen, ich sei steady like a mountain. Ich schaue also auf diesen Wasserfall, auf die Berge, auf die umliegenden Wiesen und denke, mehr steady kann ich imfall gar nicht sein.